Staubtrockener Schwede
Financial Times Deutschland 3/12-2010 (German) Filip Weintraub ist einer der unbekanntesten Fondsmanager. Zu Unrecht. Denn er zählt zu den besten in der ablaufenden Dekade. Von 2001 bis Anfang 2010 hat er 15,8 Prozent pro Jahr für seine Investoren verdient – nur mit Aktien.
Mit dem Humor ist das so eine Sache.Denn nicht jeder Spaß ist als solcher immer gleich erkennbar. Wie bei Filip Weintraub, in dessen Biografie 22 Jahre Investmenterfahrung ausgewiesen sind. Immerhin ist der Schwede erst 37. Auch bei dem Motto seiner Fondsgesellschaft Labrusca, „Go in hard and make no excuses – sei fleißig und komme nicht mit Entschuldigungen“, weiß man nicht genau, ob Weintraub es ernst damit meint oder sich nur über platten Tschakka-Motivations- Hokuspokus lustig macht.
Wie auch immer. Dieser schelmisch lächelnde Schwede ist ein Exot. Nicht nur wegen seines staubtrockenen Humors, denn der ist in der Fondsbranche selten gefragt. Die Angst vieler Manager ist groß, von Anlegern als unprofessionell wahrgenommen zu werden. Nein, auch im Hinblick auf seine Managementleistung ist Weintraub eher eine Ausnahmeerscheinung. Seine Karriere ist ein Musterbeispiel dafür, dass man all die Phrasen von Top-down-Selektion und Core-Satellite-Strategie in die Tonne treten kann – wenn da jemand am Ruder steht, der das Handwerk der Aktienauswahl versteht, sich nicht um den Index schert und Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat.
Seit der Übernahme des Skagen-Global-Aktienfonds im Jahr 2001 bis zum Schritt in die Selbstständigkeit in diesem Jahr hat Weintraub 15,8 Prozent pro Jahr erwirtschaftet. Auf Dollar- Basis sind es sogar unglaubliche 21,3 Prozent. In einem Jahrzehnt, das aus Anlegersicht zu Recht das Etikett „verlorene Dekade“ trägt. Mit einem Fonds, der ausschließlich in Aktien investiert, nur geringe Barquoten vorhält und nie auf fallende Kurse wettet.
Zwei Dinge zeichnen Weintraubs Strategie aus: Der Hang zur Antizyklik und die Reduktion auf das Wesentliche. Prognosen über Zinsen oder Wirtschaftswachstum spart er sich. Für ihn ist das „Grundrauschen“ der Märkte, etwas das man tunlichst überhören sollte. „Wir schauen uns an, ob der Gesamtmarkt historisch betrachtet eher teuer oder eher billig ist. Ansonsten betrachten wir die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen. Das reicht. Sobald man stärker ins Detail geht, kommen die ganzen Wenn und Aber“, sagt der Fondsmanager.
Weintraub wuchs in Schweden auf, studierte in den USA Ökonomie und wagte hier seine ersten beruflichen Schritte als Analyst und Fondsmanager. Seine Aktienstrategie hat er bei seinem Ex-Arbeitgeber Skagen perfektioniert. Die Gesellschaft saß im norwegischen Stavanger, einer Stadt, in der der trockenste Monat laut Klimadiagramm 15 Tage Regen hat. Da blieb viel Zeit: zum Heiraten, Kinderzeugen (ein Junge und ein Mädchen) und Unternehmenszahlen studieren. „Ich sehe mir lieber in Zahlen an, was das Management geleistet hat, anstatt mir erklären zu lassen, was es leisten wird“ begründet Weintraub seine Abneigung gegen Gespräche mit Vorständen. Auf der Suche ist er meist nach substanzstarken Werten, weniger nach wachstumsstarken Konzernen.„ Je höher der Anteil des erwarteten Wachstums am Unternehmenswert ist, desto schwieriger wird es, Vorhersagen zu treffen. Nehmen Sie Google. Wer traut sich denn ernsthaft zu orakeln, wie viel Geld das Unternehmen in fünf, wie viel in zehn Jahren verdienen wird?“
Krisen sind für einen bekennenden Antizykliker wie ihn „logische Jagdgründe“. Stets hat er einige Hundert Aktien auf dem Radar und lauert, ob deren Kurse aus den, wie er sagt, „falschen“ Gründen weit unter den von ihm ermittelten Werten fällt. Das klingt so einfach wie logisch: Die Krise der Euro-Peripheriestaaten nutzte Weintraub, um sich Aktien der griechischen Börse oder des italienischen Lebensmittelherstellers Parmalat zu besorgen. Als die Ölpest im Golf von Mexiko ausbrach, schlug er bei Papieren des Fischölherstellers Omega Protein zu. „Den Konzern beobachte ich seit sechs Jahren, habe aber nie gekauft. Die Panik während der Ölpest dann war aber eine fantastische Gelegenheit. Die Aktie wurde für die Hälfte ihres Buchwerts gehandelt, obwohl die Fischfänge im Atlantik die Ausfälle des Konzerns im Golf von Mexiko fast vollständig kompensierten“, sagt Weintraub. Parmalat, Hellenic Stock Exchange, Omega Protein – solch ein bunter Mix von Aktien aus aller Herrgotts Länder hat in Weintraubs auf maximal 35 Titeln reduziertem Portfolio Methode. Unter den zehn größten Positionen seines Labrusca-Fonds finden sich derzeit neben dem türkischen Elektronikhersteller Vestel der kasachische Energiekonzern Kaz Munai Gas und der südkoreanische Chemiekonzern KCC.
Über einen der kreativsten Wege, die Euro-Krise zu nutzen, spricht Weintraub zwar nicht, lässt sich aber an seiner größten Position im Depot ablesen: Opap. Hinter den vier Buchstaben verbirgt sich ein Quasimonopolist für Lotterie und Sportwetten im krisengebeutelten Griechenland, dessen Aktienkurs sich binnen vier Jahren gedrittelt hat. Aber gezockt und Lotto gespielt wird immer. Und die Historie gibt Weintraub Recht, mit solchen antizyklischen Wetten eben eher öfter richtig als falsch zu liegen.
Wer wie Weintraub und sein Team soviel Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, der ist auch bereit, persönlich etwas zu riskieren. So haben er und seine Mitstreiter zum Start in die Selbstständigkeit mit Labrusca ihr komplettes liquides Vermögen in den neuen Fonds gesteckt. „20 Jahre – das ist ungefähr die Spanne, in der ich diesen Job machen will und hoffentlich auch kann. Umgekehrt sehen wir das auch als Anlagehorizont für unsere Investoren“, sagt Weintraub.
Wer mit Weintraub spricht, ahnt, dass Fondsmanagement für ihn nicht nur ein Beruf zum Geldverdienen ist. Er liebt die intellektuelle Herausforderung, die besten Aktien zu finden. Hobbys? „Mein Hobby ist, was ich den ganzen Tag mache – investieren“, sagt Weintraub. Das kauft man ihm ab.




